Montag, 6. Februar 2017

Ein bisschen Paris im grauen Alltag


Seit einiger Zeit sehe ich mir auf Youtube eine Videoserie an.
Es handelt sich hierbei um Screenshots von Chats auf Whatsapp. Hochgeladen von einer gewissen "Flying Husky". Unterlegt mit Musik regen diese "Bildschirmfotos" zum Nachdenken an. Große Liebesschwüre. Ellenlange Texte, die am Ende nicht mal mit blauen Häckchen markiert sind. Tausende "Ich liebe dich's" und aber Millionen Herzen und so weiter. Ich lese und denke mir dabei. Welchen Screenshot würde ich einschicken? Ich scrolle wiedermal durch die Fotos, die mittlerweile 500 Selfies, die von unserer Liebesgeschichte zeugen. Das erste Foto ist knapp vier Monate alt. Am Donnerstag sind es genau 16 Wochen. 
Vier mal vier Wochen und mir kommt es vor, wie vier Jahre. Vier Wochen seit ich da am Straßenrand stand und dann kam er angefahren. Ich habe nichts erwartet. Vielleicht ein nettes Date. Ein nichtssagender Nachmittag, an dessen Ende man sich flüchtig umarmt und dann nach einem kurzen "War nett dich kennengelernt zu haben" wieder in unterschiedliche Richtungen stromert. Niemals hätte ich geglaubt, dass ich heute neben diesem Mann am Abendbrottisch sitzen würde. Ich hätte gelacht, hätte man mir versucht zu verklickern, dass ich mal mit diesem Mann einschlafen würde. Tage und Nächte verbringen würde. Und jetzt ist es so. Ich sitze hier und tippe, während er für seine Abschlussprüfungen lernt. Ich beobachte ihn heimlich. Der beige Pulli, die blauen Augen unter der Brille. Seine Augen. Würde mich jemand fragen, in was ich mich verliebt habe? Dann wären es diese Augen. Blau. Wie ein Bergsee. Manchmal mit einem Stich ins Grüne oder Graue. So facettenreich. Sie blicken mich an. Strahlen. Leuchten. Seine Augen. Pierres Augen. Seltsam, dass man einen Menschen beschreibt, und dann: erkennt man Eigenschaften dieser Person die man, aus seinem Kopf heraus beschrieben hat, bei einer lebendigen Person wieder. Ich bemerke, wie der Buch- Traummann immer mehr seiner Eigenschaften annimmt. Aus der realen Person und der fiktiven werden eine Person. Trotzdem bleibt Pierre Pierre und Honey, eben Honey. 

Ich erinnere mich an die Augen die ich beschrieben habe. An Gesten und Worte. Ich habe mir immer einen Pierre gewünscht. Einen richtigen. Echten eben. Einen, mit dem man Chats hat, die manchmal aus tausenden "Ich liebe dich's" und aber Millionen Herzchen bestehen. Solche, von denen man Screenshots macht und sie an "Flying Husky" schickt, damit diese sie dann in ihren Videos veröffentlicht. Solche die man mit kitschigen Liebesliedern unterlegt und der ganzen Welt preisgibt. Jeder soll es lesen können. Habe ich das nötig? Nein. Definitiv nicht. Ich liebe lieber leise. Hauchzart. Flüsternd. Ist mir nicht wichtig, dass das jeder lesen kann. Ich liebe lieber heimlich. Für mich. Für uns. Großartig im Kleinen. 

Ich habe mir eine eigene Liebesgeschichte geschrieben. Für mich. Für uns. Und diesmal soll es jeder lesen können. Sie trieft nur so vor Kitsch. Vor Romantik und spielt überdies auch noch in der Stadt der Liebe. Paris. 
Wiedermal stehe ich am Bahnhof in Frankfurt und am Gleis, an dem der TGV steht. Paris Est. Wann bin ich endlich mutig genug einzusteigen. Die Geschichte wahr zu machen? 

Ich stehe so lange an dem Gleis, bis der Zug anfährt. Hinaus aus dem Bahnhof. Und mich am Gleis stehen lässt. Ein andermal vielleicht. Vertröste ich mich. Vielleicht. Vielleicht auch nicht, Ich glaube ich habe einfach Angst. Angst enttäuscht zu werden. Von der knallharten Realität. Denn auch nach einem noch so schön gehauchten: "Ich bin ja so verliebt in dich" kommt man irgendwann wieder unten am Boden an. Irgendwann werden die Herzchen weniger. Dann kommen die ellenlangen Texte in den Videos, die nicht mal gelesen wurden. Die blauen Häkchen fehlen. Interessiert niemanden mehr. Traurig, aber wahr. Man tippt. Löscht. Tippt erneut und versendet. Es bleibt unbeantwortet. 
Ich kenne das. Zu gut. Will das eine Weile nicht erleben. Eine Weile noch schweben. Lieber nochmal "Ich liebe dich" schreiben. Es nochmal hören. Noch ein schlagendes rotes Herz. Jeden Morgen eine Audio und jeden Abend. Außer, wenn wir zusammen sind. Noch ein körniges Selfie. Nochmal ein kurzes Video mit einem Luftkuss. Noch ein Telefonat am Abend. Nochmal in seinen Armen einschlafen, Noch ein Kuss. Der letzte. So wie der erste. Inniger. Eine noch festere Umarmung. Bis Morgen. Bis später. Bis nachher. Bis Paris? Noch ein Traum. Nochmal am Gleis stehen. Einsteigen. Mitfahren. Ankommen. Eintauchen. Auf dieser Brücke an der Seine stehen, die man sieht, wenn man auf das Bild über seinem Schreibtisch schaut. 

Einmal auf den Eiffelturm. Einmal ein Café finden. In der Nähe von Mon Matre das Florence und Polette gehören könnte. Einmal. Ich verliere mich in Träumen. Schmunzele. Halte kurz inne. Flying Husky hat ein neues Video hochgeladen, zeigt meine Neuigkeiten - Spalte an. Werde ich mir ansehen, wenn ich zuhause bin. Weil wir alle uns gern mal in einer Welt verlieren, die aus "Ich liebe dich's" und Herzchen besteht. In der einen die "Ich bin ja so verliebt in dich" Nachrichten schweben lassen. In der man einen Pierre im Café trifft. Manchmal denke ich. Manchmal ist es gut, dass es Realität gibt und die Welt im Buch. Man kann sich flüchten, aber davon laufen kann man nicht. Vermischen ist gefährlich. Es ist gut, dass Pierre Pierre ist und Honey Honey. 

Es ist gut, dass ich gerade hier bin, Im grauen Alltag, der ein bisschen aufleuchtet, bei dem Gedanken an die Nacht, die ich in seinen Armen verbringen werde. Auch in Paris kann man einsam sein. Und trotzdem freue ich mich auf den Tag, an dem wir gemeinsam einsteigen, Paris. Paris, 

In Liebe, 

eure Missmonroelove

Sonntag, 22. Januar 2017

Kind des Sturmes

Hallo. Es ist Sonntagabend. Stille. Laute Stille. Ich drehe Musik auf. Frida Gold. Wir sind zuhaus. Ich reflektiere die letzten Wochen. Ich denke...denke...denke nach. Es ist jetzt Januar. Das Jahr ist drei Wochen alt. So jung und doch sind schon wieder einige Tage verstrichen. Ich habe viel geweint. War viel verzweifelt. Hab mich aufgelöst. Bis man mir sagte: Du hast keinen Grund zu weinen. Keinen Grund zur Panik. Alles wird gut. Ich klammere mich daran fest. An diesen drei Worten. An seinem "Ich liebe dich". Vergrabe mich in seinen Armen. Verliere mich in diesen blauen Augen. Er lacht. Honey. Ich sehe ihn. Sehe uns. Die Einweg Kamera. Der Auslöser klickt. Dieser Kuss festgehalten. Und wenn ich so daliege, dann ist alles gut. Dann kann ich mich fallen lassen. Ich falle in den Moment und fliege für einen Moment. Wenn alles kribbelt. Ich mach mich leicht. Ich halte dieses Gefühl fest. Für Momente wenn ich wieder down bin. Wenn die Depression wieder zuschlägt.

Und ich denke wieder an ihn. Irgendwie. Hallo Frenzel. Was willst du noch in meinem Kopf. Er schleicht sich in meine Träume. Menschen, die ich jahrelang nicht mehr gesehen haben tauchen auch, wie Geister aus der Vergangenheit und scheinen mich daran zu erinnern, was ist und was war. Ich halte gern am gestern fest. Lasse dennoch alle Türen für die Zukunft offen. Ich breite die Arme aus. Weit. Will schreien. Alles rauslassen. Doch ich bleibe still. Es ist ok. Es ist in Ordnung.

Versteht mich nicht falsch. Ich liebe ihn. Mit jeder Faser. Mit jedem Molekül. Jeder Zelle. Jeden Zentimeter. Vielleicht musste ich ihn gehen lassen, um Platz zu machen. Und trotzdem ist das Loch noch da. Alles ist verblasst. Das letzte Jahr. Wir haben wirklich geglaubt, wir könnten davon laufen. Vor unseren Gefühlen. Dieser Kuss. Fühlt sich jetzt ganz anders an. Viel größer. Hätte nie gedacht, dass solche Gefühle möglich sind. Hab immer gedacht, dass ich Liebe kenne. Aber jetzt hat sich dieser Begriff neu definiert. So viel mächtiger. Ich rede schon vom Mann meines Lebens. Von einem  FÜR IMMER . "Gibt es das?" frage ich ihn. Er nickt nur. Hält mich noch fester. Enger umschlungen. Ich habe niemals so viel Nähe zugelassen. Niemals erlaubt, dass mir ein Mensch so nahe kommt. So hinter die Fassade blicken darf, wie er es tut. Hab mich nie so verletzlich gezeigt. Ich habe noch nie einen Mann weinen sehen. Wir haben zusammen geweint. Weil das Glück uns übermannt hat. Ich kann nicht damit umgehen. Zu viele Emotionen. Zu instabil. Zu sentimental zu. Zu...

Die Musik ist aus. Tut auch gut. Stille ist mir immer unangenehm. Ich fühl mich in der Ruhe nicht wohl. Ich bin ein Kind des Sturmes. Ein Kind des Windes. Wo es tobt und bebt, gewittert und blitzt, da fühl ich mich wohl. Ich hab lange Angst im Dunkeln gehabt. Zünde immer Kerzen an. Lass immer ein Licht brennen. Bin nachts nicht gerne unterwegs. Obwohl ich viele Nächte durchgemacht habe.Viele durchtanzt habe. Lange wachgelegen bin. Eine ganze Nacht lang mit ihm. Reden über Paris. Über dies und jenes. Über ihn und mich. Träume. Wünsche. Vorstellungen. Illusionen. Hoffnungen. Erwartungen. Die großen und kleinen Dinge des Lebens.

Während ich das hier tippe, spielt mein Vater Klavier. Stay von Rihanna. Bleiben. Ich will, dass er für immer bleibt. Der Moment. Dieser Mensch. Dieser Tag. Forever is a long time. For now. Now is good. Gerade gut genug. Denke ich.

Habe aufgehört Tagebuch zu schreiben. Irgendwie gelingt es mir nicht mehr. Ich habe mich verändert. Bin in ständigem Wandel begriffen. Es ist Sonntagabend. Stille. Laute Stille. Die Tasten klicken unter meinen Fingern und mein Vater singt ein schiefes Lied. Er wiederholt einige Stellen des Stückes bis es zu seiner Zufriedenheit klingt.Wieder und wieder. Die gleiche Melodie. Melancholisch. Schwer. Moll. Das ist das Leben. Denke ich. Ein Wechsel von Dur und Moll. Genauso fühlt es sich an. Höhen und Tiefen. Bergauf und ab. Das ist gut. Das ist ok. Eine Achterbahnfahrt und ich steige ein. Jauchze. Fühle die Leere im Bauch, wenn wir bergab sausen und das Adrenalin durch meinen Körper pulsieren. Ich bin am Leben. Alive. Und ich will verdammt noch mal was aus diesem Leben machen. Ich atme ein und aus. Und denke wieder an Frida Gold. Wir sind zuhaus.

xoxo

eure Missmonroelove